Gewiss!

Es ist Sommer, wir sitzen beim Mittagessen auf der Veranda einer Villa, die gut als Kulisse für Shakespeare-Stücke dienen könnte und deren Blick auf einen kleinen Kräutergarten geht, und unterhalten uns angeregt. Ich wende mich einer Kollegin aus einem ganz wunderbaren Briefeditionsprojekt (18. Jahrhundert) zu und frage sie: „Sag mal: Wenn Du Deine historischen Barocktänze aufführst, trägst Du da eigentlich auch historisch korrekte Kostüme?“

Sie: „Gewiss!“

Ich (sehr freudig erstaunt): „Hast Du gerade ‚gewiss‘ gesagt??“

Sie: „Gewiss doch!“

Da war es wieder: dieses herrliche Gefühl mit einem notleidenden Wort überrascht zu werden, und dabei mit einem so kurzen, trefflichen und – wenn ich näher darüber nachdenke – kaum entbehrlichen Wort! Mir war plötzlich so wohl ums Herz! (Übrigens tanzt die Kollegin in ihrer Freizeit, nicht im Projekt.)

Jetzt ist man vielleicht geneigt, kritisch zu hinterfragen, ob „gewiss“ tatsächlich so notleidend sei. Zurecht: Es erscheint nach außen nicht sonderlich betroffen. Es wird in schriftlichem Deutsch, zum Beispiel auch in Medienberichten sogar öfter verwendet, wie auch „Gewissheit“ – letzteres oft in fester Verbindung, wie in „trauriger Gewissheit“ (etwa in Verbindung mit Vermisstenmeldungen, wo Menschen ja immer auf ein gutes Ende hoffen; es gibt aber auch freudige Gewissheiten, z.B. wo Menschen plötzlich auftauchen).

Aber man überlege selbst: Wann haben Sie das letzte Mal „gewiss“ im Alltag verwendet oder gehört, anstelle von „natürlich“ oder „na klar“?

In Zeiten schwindender Gewissheiten verschiedenster Art tut es einfach gut, zwischendurch einmal „gewiss“ zu hören, auch wenn es sich um einfache, alltägliche Dinge handelt: etwa, wenn man gefragt wird, ob man gewillt ist, an einem bestimmten Samstag Grünkohl zu essen oder ob man Rosinen in der Schokolade mag oder ob man spontan für eine plötzlich erkrankte Dauerkonzertkarteninhaberin einspringen möchte. Gewiss! Keine weiteren Fragen! (Wobei das nicht heißen soll, dass man alle bisherigen Gewissheiten unbedingt gutheißen muss.)

Natürlich nahm ich mir gleich vor, selbst öfter mit „gewiss“ zu antworten!

Definition (ich meine das Adverb unter Bedeutung II – und hier in alter Rechtschreibung):

gewiß [mhd. gewis, ahd. giwis, eigtl. = was (sicher) gewußt wird]: 
I. <Adj.; gewisser, gewisseste> 1.a) nicht genau bestimmbar; nicht näher bezeichnet [aber doch dem andern bekannt]: ein gewisser Herr Krause; ein gewisser Jemand ; von einem gewissen Alter an ; die Einstellung gewisser national gesinnter Kreise ; b) von nicht sehr großem Ausmaß o.ä., aber doch ein Mindestmaß einhaltend: eine gewisse Ähnlichkeit ; aus einer gewissen Distanz ; zu einem gewissen Grade. 2. ohne Zweifel bestehend, eintretend ; die gewisse Zuversicht, Hoffnung haben, daß ...; jmds. Beistandes g. sein können ; etw. für g. halten. 
II. <Adv.> nach jmds. Meinung ohne Zweifel, mit Sicherheit: du hast dich g. darüber gefreut ; das kannst du mir g. glauben ; aber g. [doch]! (es verhält sich tatsächlich so); g. hat er es gehört; [...] 
 
Duden Deutsches Universalwörterbuch / hrsg. u. bearb. vom Wiss. Rat u.d. Mitarb. d. Dudenred. unter Leitung von Günther Drosdowski. [Unter Mitw. von Maria Dose ...]. – 2., völlig neu bearb. u. stark erw. Aufl. Mannheim; Wien; Zürich; Dudenverl. 1989 

Eine früher verbreitete Form war „gewisslich“, wie noch in meinem Duden von 1905 nachzuschlagen ist. (Möglicherweise ist der herrlich grüne Einband meiner Ausgabe leicht mit Arsen versetzt, fällt mir gerade auf.) Manch einem mag diese Form noch (vielleicht auch ausschließlich) aus dem alten evanglischen Kirchenlied „Es ist gewisslich an der Zeit“ vertraut sein. Den Text zu einer Melodie von Martin Luther schrieb Bartholomäus Ringwaldt im Jahr 1582, wie ich gerade nachgeschlagen habe. (Dabei aufgegriffen wird die Hoffnung auf die Wiederkunft von Jesus Christus als Weltenrichter nach Beschreibung des Buchs der Offenbarung in der Bibel).