Pestilenz

Wir leben in Shakespeare’schen Zeiten.

Wer hätte gedacht, dass man jemals inständig gebeten würde, einfach nur zuhause zu bleiben? Wann hätte ich mir träumen lassen, dass faul auf der Couch zu sitzen jemals eine überaus noble Tätigkeit sein würde, weil man damit indirekt Leben retten kann (das eigene oder auch das anderer Menschen)?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals in einer Zeit leben würde, in der eine Pestilenz globalen Ausmaßes umhergeht, die es erfordert, dass die Menschen — wer immer kann — das Haus nicht verlassen, Geschäfte, Restaurants, Bars bei bestem Wetter geschlossen bleiben, Unterricht länderübergreifend ausfällt, Kitas ebenfalls zu bleiben. Dass Gottesdienste über Wochen ausfallen oder ohne Kirchgänger stattfinden, und das auch noch zu Ostern — dem wichtigsten Fest der Christenheit!
Nie hätte ich für möglich gehalten, dass ich jemals sehen würde, wie der Papst in Rom zu einer Messe praktisch fast allein auf dem Petersplatz steht [1]. Nie.

Nie hätte ich gedacht, dass ich Kühllaster an einem Ausgang eines Krankenhauses in New York sehen würde, weil kein Platz mehr für die Verstorbenen ist und Mediziner*innen [2] möglichen Ärger auf sich nehmen, um der Öffentlichkeit die Dramatik der Situation zu verdeutlichen, weil sie nur schwer zu verdeutlichen ist.

Und noch so vieles mehr.

Pestilenz, das war doch einmal, damals, als man noch so anders sprach und vergleichsweise wenig über Medizin wusste. Als beispielsweise der Decamerone (Boccaccio) entstand. Oder King Lear (Shakespeare). Ach, wunderbare Werke der Literatur. Aber in welchem Kontext!

Wie schnell sich doch alles ändern kann.

Pestilenz war nie ein Wort, dass ich geplant hatte, als „notleidendes“ Wort vorzustellen. Zum einen: Man hat nicht so wirklich Sympathie dafür. Zum anderen: Dieser Tage leidet es nicht wirklich Not, will heißen: der Inbegriff der „Pestilenz“ der Gegenwart, Covid-19 (verursacht durch das Virus SARS-CoV-19). Aber viele Menschen leiden Not, haben Bange um Angehörige, Kolleg*innen oder sich selbst und blicken mit großer Sorge in die Zukunft.

Deshalb fällt es mir schwer, erbauliche oder gar vergnügliche Dinge zu schreiben, auch wenn ich mir gern im Internet die kreativen und teils witzigen Sachen anschaue, die Leute von zuhause aus tun, damit ihnen nicht die Decke auf den Kopf fällt. Ja, sogar ich werde jetzt heimwerkerlich tätig, um aus meinem kleinen Esstisch eine Art Küchenanrichte zu bauen. (Die Betonung hier liegt auf eine Art.)

Ich meditiere, halte Andachten, mache mir Kaffee. Und Kaffee, und Kaffee. Und entkoffeinierten Kaffee. Tausche mich mit Freunden und Kollegen aus. Mache eine Seelsorger(fern)ausbildung, die ich sowieso schon machen wollte und die auch eine Weile dauern wird. Nur „herumzusitzen“ fällt mir zum Teil schwer — auch wenn es sicher im Moment (und vielleicht auch öfter als man oft denkt) das Beste ist.

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[1]: Pope’s blessing in empty St Peter’s Square watched by 11m on TV (The Guardian) — die Aufnahme entstand schon vor Ostern.

[2]: Dr. Colleen Smith, Emergency Room Doctor, Elmhurst Hospital
via New York Times
(New York Times)