Sommerfrische

Nun, da sich der Herbst unweigerlich bemerkbar macht mit herrlichem Frühnebel, Laubfärbung, Pilzduft, und die Kastanienbäume ihre harten Früchte nach nichtsahnenden Passanten werfen, überkommt mich doch eine Wehmut, dass ich dieses Jahr nirgendwo in der „Sommerfrische“ war. Will heißen: „Erholungsaufenthalt im Sommer auf dem Land, an der See, im Gebirge etc.“. So beschreibt es der Duden, Universalwörterbuch 1989.

Wenn ich an Sommerfrische denke, entstehen vor meinem inneren Auge sofort Bilder bürgerlicher Großfamilien zur Jahrhundertwende (der vorletzten, wohlgemerkt), die gut gelaunt in unbequemer Mode ein Picknick auf einem großen Rasen zu sich nehmen, wobei die Damen weiße berüschte Schirme über sich halten während die Herren Boule spielen. Sommerfrische halt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich im Hintergrund ein Grammophon erkennen kann.

Sommerfrische klingt so wohl geordnet, überschaubar. Entschleunigt. Offline. Eine solche bedarf der Vorbereitung. Man verlässt die Stadt für einen Erholungsaufenthalt. Vorher verabschiedet man sich gegebenenfalls bei Bekannten mit einem kurzen Besuch, hinterlässt bei ihrer Abwesenheit seine Visitenkarte versehen mit einem lateinischen (oder französischen) Kürzel in Bleistift geschrieben, das den Anlass des Besuchs erklärt: im Falle der Sommerfrische wahrscheinlich ppc. (pour prendre congé – um Urlaub zu nehmen). Sodann macht man sich auf den Weg, um einen recht exotischen Seins-Zustand einzunehmen: Man wird zum Sommerfrischler. Freiheit!

Erst einmal brauche ich neue Visitenkarten, die kann man ja online bestellen. Dann kaufe ich mir bei eBay ein Grammophon, was ich dann mitschleppen muss. Mit einigen Platten, man muss es ja nicht gleich übertreiben. Wahrscheinlich sogar im RegionalExpress. Naja, macht nichts. Dann muss ich noch meine Freunde einladen mitzukommen, am besten auch jemanden, der einen Hund hat (lebhaft, aber gut erzogen, am besten noch Kinderlieb, falls wir auf den Wanderungen Kindern begegnen) – ich glaube, bei Sommerfrischen ist ein Hund unabdingbar.

Eine Ferienwohnung in den Bergen können wir ja noch buchen, wir müssen nur einen Termin irgendwann nächstes Jahr finden, so um die KW 25, der allen passt. Und dann kann es losgehen!

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